Wann ist es Zeit, in die Klinik zu fahren?
Geburtsbeginn erkennen, ruhig bleiben und den eigenen Körper verstehen.
Je näher der Geburtstermin rückt, desto mehr Fragen entstehen rund um den Start der Geburt. Eine
der häufigsten Unsicherheiten, besonders beim ersten Kind, ist: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um
in die Klinik oder ins Geburtshaus zu fahren?
Viele Frauen haben dabei Angst, den „richtigen Moment“ zu verpassen oder zu spät loszufahren.
Diese Sorge können wir dir gleich vorwegnehmen: Der Geburtsbeginn beziehungsweise das
Zeitfenster, in dem man sich auf den Weg machen kann, lässt sich in den allermeisten Fällen sehr
gut erkennen und kann im Prinzip nicht verpasst werden.
Vorboten der Geburt – wenn der Körper sich vorbereitet
Bevor die eigentliche Geburt beginnt, zeigt der Körper in den Tagen davor oft typische
Veränderungen. Diese sogenannten Vorboten sind kein „Startschuss“, sondern eher ein Zeichen
dafür, dass sich der Körper langsam auf die Geburt vorbereitet.
Viele Frauen erleben in dieser Phase innere Unruhe oder körperliche Rastlosigkeit. Auch Nestbau-
Instinkt, viel Tatendrang, Übelkeit oder Erbrechen, Erschöpfung, Schlafstörungen oder Durchfall
können dazugehören. Diese Symptome hängen mit hormonellen Umstellungen zusammen. Der
Körper konzentriert seine Energie zunehmend auf die Geburt und „reduziert“ andere Funktionen
wie die Verdauung.
Dabei spielen unter anderem Prostaglandine eine Rolle, also geburtsvorbereitende Hormone, die
den Gebärmutterhals und auch den Darm beeinflussen können.
Der Schleimpfropf sitzt am Gebärmutterhals und schützt die Gebärmutter vor aufsteigenden
Keimen. Löst er sich in den Tagen vor der Geburt, ist das ein Zeichen dafür, dass sich der
Gebärmutterhals bereits auf die Geburt vorbereitet, weicher wird und sich verkürzt. Dabei kann der
Schleim auch leicht blutig sein. In diesem Fall spricht man von einer Zeichnungsblutung. Sie
entsteht dadurch, dass der Muttermund stärker durchblutet wird und beim Öffnen kleine Gefäße
einreißen können.
Eine leichte Blutung mit Schleim ist meist unbedenklich. Periodenstarke oder stärkere Blutungen
sollten jedoch immer zügig abgeklärt werden.
Wehen – der wichtigste Hinweis auf den Geburtsbeginn
Wehen sind das zentrale Zeichen dafür, dass die Geburt beginnt.
Zu Beginn der Geburt, also in der Latenzphase, sind Wehen oft noch unregelmäßig und kürzer als
eine Minute. Sie fühlen sich eher ziehend an, ähnlich wie bei der Menstruation, oft auch im Rücken.
In dieser Phase sind sie meist noch nicht wirksam für die Muttermundsöffnung.
Das bedeutet aber nicht, dass sie „nutzlos“ sind. Im Gegenteil: Sie machen das Gewebe weich,
bereiten den Muttermund vor, verkürzen den Gebärmutterhals und unterstützen das Baby eine gute
Ausgangsposition im Beckeneingang zu finden.Viele Frauen haben in dieser Phase noch Appetit und können noch etwas schlafen. Auch wenn man
sich noch gut von den Wehen ablenken kann, spricht das häufig dafür, dass es noch die Latenzphase
ist. Dann ist es in der Regel ratsam erstmal in Ruhe zu Hause zu bleiben.
Echte Geburtswehen erkennen
Mit fortschreitender Geburt werden die Wehen regelmäßiger, meist in Richtung 5-Minuten-
Abstände oder weniger. Sie werden intensiver, halten länger an – oft etwa eine Minute oder länger –
und können nicht mehr ignoriert werden.
Ab einer Muttermundsöffnung von etwa 3-4 cm wird in der Geburtshilfe vom richtigen
Geburtsbeginn gesprochen. Der Muttermund öffnet sich dann auf 10cm. Diese Phase dauert bei
Erstgebärenden oft 8-11 Stunden.
Es gibt auch einige hilfreiche Hinweise, ob es bereits echte Eröffnungswehen sind:
Wenn Wehen im warmen Bad, unter der Dusche oder im Liegen nachlassen, spricht das eher für
eine Vorphase. Echte Geburtswehen bleiben meist bestehen oder werden stärker. Wenn während der
Wehen noch gut gesprochen werden kann, sind es wahrscheinlich ebenfalls noch keine
Geburtswehen. Typischerweise ziehen sich Frauen unter der Geburt während der Wehen eher in sich
zurück, müssen sich stark konzentrieren und die Wehen veratmen oder auch lauter vertönen.
Geburtswehen fühlen sich meist nach körperlicher Arbeit an, und viele Frauen haben dann auch
weniger Appetit und schlafen geht in dieser Phase normalerweise auch nicht mehr gut.
Wenn du also noch unsicher bist, ob es bereits richtige Geburtswehen sind, sind es meistens noch
keine, sondern eher Latenzphasenwehen.
Faustregel: Wann in die Klinik?
Als grobe Orientierung wird für Erstgebärende häufig genannt: Wehen alle etwa 5 Minuten über
ungefähr 2 Stunden und die Wehe an sich sollte auch ungefähr eine Minute oder länger anhalten.
Dann ist dies ein gutes Zeichen, dass die Eröffnungsphase schon begonnen hat. Aber diese Regel
ist nur ein Richtwert.
Entscheidend ist immer auch:
Wie fühlst du dich zuhause?
Brauchst du Begleitung?
Wird es für dich zunehmend intensiver oder ist es noch gut aushaltbar?
Viele fahren eher zu früh in die Klinik, was an sich kein Problem ist. Im schlimmsten Fall werdet
ihr wieder nach Hause geschickt. Aber: Je früher ihr in der Klinik seid, desto höher ist oft die
Erwartungshaltung, dass die Geburt vorangeht, und auch Interventionen sind wahrscheinlicher.
Zuhause fühlt man sich in der Regel am wohlsten, und die Geburtshormone können besser arbeiten.
Angst: „Ich könnte das Baby zuhause oder im Auto
bekommen“
Gerade Erstgebärende haben oft diese Sorge. Die Realität ist jedoch: Dass das Baby plötzlich
ungeplant zuhause geboren wird, ist sehr unwahrscheinlich. Bei Mehrgebärenden nimmt die Geburt
manchmal schneller Fahrt auf, sodass es dort manchmal knapp werden kann.Bei Erstgebärenden dauert die Geburt in den meisten Fällen viele Stunden, sodass genug Zeit bleibt,
den Geburtsort aufzusuchen während der Eröffnungsphase. Selbst bei zunehmend intensiven
regelmäßigen Wehen oder beginnendem Druck nach unten, der für die letzte Phase (Austrittsphase)
der Geburt typisch ist, bleibt theoretisch meist noch genug Zeit für den Weg in die Klinik. Dann
sollte aber nicht länger abgewartet werden.
Falls es doch nicht mehr möglich ist und die Geburt sehr schnell Fahrt aufnimmt, sollte natürlich
der Rettungswagen gerufen werden. Im Auto dann am besten auf dem Standstreifen halten und auf
die Rettungskräfte warten. Dies ist sehr viel sicherer als über die Straßen zu hetzten.
Blasensprung – was bedeutet das?
Ein Blasensprung ist ein weiteres eindeutiges Zeichen dafür, dass die Geburt begonnen hat, aber
kein Grund zur Panik. Viele Geburten starten mit Wehen, und die Fruchtblase springt erst in
fortgeschrittener Geburt, wenn ihr bereits in der Klinik seid.
Manchmal kommt es auch zu einem vorzeitigen Blasensprung, ohne dass vorher Wehen da waren.
Auch dann muss nicht sofort mit wehenden Fahnen in die Klinik gefahren werden, wie man es aus
Filmen kennt. Das Baby braucht meistens noch eine ganze Weile, bis es da ist, denn ohne Wehen
wird in der Regel auch kein Baby geboren.
Der Blasensprung kann eindeutig im Schwall auftreten oder als „hoher Blasensprung“ sodass es
langsam tröpfelt. Dies kann leicht mit Urin oder vermehrtem Ausfluss verwechselt werden . Wichtig
zu wissen: Fruchtwasser läuft nach dem Blasensprung meist kontinuierlich weiter ab und kann nicht
angehalten werden. Und keine Sorge: Das Baby liegt nicht irgendwann „auf dem Trockenen“, da
Fruchtwasser nachgebildet wird.
Verhalten nach Blasensprung
Nach einem Blasensprung oder bei Verdacht gilt erst einmal: ruhig bleiben und beobachten. Es ist
sinnvoll sich die Uhrzeit zu merken, die Farbe des Fruchtwassers zu beobachten und auf die
Kindsbewegungen zu achten. Auch die Lage des Kindes sollte bekannt sein, idealerweise ist die
Schädellage zum Ende der Schwangerschaft bereits durch Hebamme oder Gynäkologin bestätigt
worden.
Wenn die Schwangerschaft über 37+0 SSW liegt, das Kind in Schädellage liegt, das Fruchtwasser
klar ist, gute Kindsbewegungen vorhanden sind, B-Streptokokken negativ waren und kein Fieber
besteht, kann oft zunächst entspannt zuhause abgewartet werden. Nach Rücksprache mit dem
Geburtsteam sind dann meist noch einige Stunden möglich. Viele Kliniken empfehlen dennoch eine
telefonische Rücksprache, um das Vorgehen individuell abzustimmen.
Zügig handeln beziehungsweise Kontakt zur Klinik aufnehmen solltest du bei einem Blasensprung
vor 37+0 SSW, bei grünem oder gelben Fruchtwasser, bei Fieber oder Krankheitsgefühl, bei
auffälligen oder fehlenden Kindsbewegungen oder bei unklarer Situation. Wenn es sich zum
Beispiel um einen hohen Blasensprung handelt, ist ein Fruchtwassercheck in der Klinik oder durch
die Hebamme sinnvoll. Liegt das Baby in Querlage oder Beckenendlage, sollte man sich direkt
hinlegen und liegend transportieren lassen, da das Risiko besteht, dass die Nabelschnur vorfällt auf
Grund der fehlenden Abdichtung des Beckeneingangs.
Wichtig zu wissen
Nach einem Blasensprung besteht ein leicht erhöhtes Infektionsrisiko. Deshalb wird meist nach 12
Stunden eine Antibiotikaprophylaxe gestartet. In der Klinik erfolgen außerdem regelmäßige
Kontrollen der Infektionsparameter. Nach etwa 18 Stunden ohne einsetzende spontane
Wehentätigkeit wird die Geburt in der Regel eingeleitet.
Psyche: Der wichtigste Faktor im Geburtsbeginn
Neben allen medizinischen Anzeichen ist vor allem wichtig, wie du dich fühlst. Viele Frauen sind zuhause
entspannter, erleben weniger Stress und fühlen sich sicherer. Das kann den Geburtsverlauf positiv
unterstützen. Wenn du dich also zuhause noch wohlfühlst und gut mit den Wehen zurechtkommst, darfst du
oft noch abwarten – auch wenn die Abstände schon kürzer werden. Und manchmal gibt es keine eindeutigen
Zeichen, aber trotzdem das Gefühl: „Jetzt sollte ich losfahren.“ Auch dieses Gefühl darfst du ernst nehmen.
Blutungen in der Schwangerschaft
Blutungen in der Schwangerschaft sollten immer ernst genommen und abgeklärt werden. Wichtig
ist: immer im Kreißsaal anrufen. Bei periodenstarker oder stärkerer Blutung sollte sofort in die
Klinik gefahren oder gegebenenfalls der Rettungsdienst verständigt werden.
Hilfreich ist es, eine Vorlage zu benutzen, um den Blutverlust einzuschätzen, und Mutterpass,
Versichertenkarte sowie Unterlagen bereitzuhalten.
Der Weg in die Klinik – gut vorbereitet sein
Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, hilft gute Vorbereitung. Mitgenommen werden sollten
Mutterpass, Versichertenkarte, Arztbriefe oder Befunde, gegebenenfalls Anmeldeunterlagen und die
Kliniktasche. Ein dickes Handtuch oder eine Unterlage fürs Auto ist ebenfalls praktisch, falls
unterwegs Fruchtwasser abgeht.
Wichtig ist auch: möglichst vorher im Kreißsaal anrufen, Kapazitäten klären und gegebenenfalls
eine alternative Klinik bereithalten.
Fazit
Der Beginn der Geburt ist kein einzelner Moment, sondern ein Prozess. Du musst nicht perfekt
erkennen, wann es wirklich losgeht. Viel wichtiger ist dein Körpergefühl, deine Sicherheit und dein
inneres Empfinden.
Und vor allem: Du darfst jederzeit Hilfe und Einschätzung einholen. Geburt ist nichts, was man
allein „richtig entscheiden“ muss, sondern etwas, das begleitet werden darf.